Eine kurze Zeitreise in die Vergangenheit

„Seine Königliche Majestät haben vermöge Allerhöchster Resolution vom 23.ten d..M.. die Errichtung einer eigenen evangelisch-lutherischen Pfarrgemeinde in Wiesensteig unter den angeführten Bestimmungen genehmigt, dabei aber verordnet, dass dadurch dem Staate keine Lasten zugehen sollen…

… Dem königlichen Oberconsistorium wird diese allerhöchste Resolution eröffnet, um den Supplikanten Nachricht davon zu geben.“


Stuttgart, den 24.März 1808 
Ministerium der Geistlichen Angelegenheiten

 

Das ist ein Teil der Gründungsurkunde der evangelischen Kirchengemeinde in Wiesensteig, deren Entstehung sich  im Jahr 2008 zum 200. Mal jährte. Wiesensteig kennt man als Fasnets-Hochburg, als landschaftlich schön gelegenes Städtchen, als Ort, dessen Wachstum durch die Tal-Lage eingeschränkt ist, der aber dennoch aus geringer Einwohnerzahl große Namen hervorgebracht hat. Weit draußen liegt es, so weiß man, reich an Geschichte ist es  und mit wunderschönem Stadtbild. Ein Ort mit großen Gegensätzen, die einander auch immer wieder bereichert haben, eine relativ „junge“ Diaspora-Gemeinde, und doch voller Tradition auf evangelischer Seite! Gewachsen ist die evangelische Gemeinde neben einer starken katholischen Majorität – vor allem aber zusammen mit den katholischen Mitchristinnen und Mitchristen. Auch das ökumenische Miteinander hat eine lange und schöne Tradition in unserem „Städtle“.

 

Mit diesen Gedanken standen wir vor einem großen Jubiläum, und lasen derzeit in einer hochinteressanten Festschrift aus dem Jahr 1895. Für die Jahresversammlung des Württembergischen Hauptvereins der Gustav-Adolf-Stiftung am 16.und 17. Juli wurde sie verfasst von Richard Dipper, der seinerzeit „Pfarrverweser“ in Wiesensteig war. Nur ein kurzer Blick dort hinein führt uns schon ganz an die Anfänge des Protestantismus. Evangelischer Glaube ist nämlich noch weitaus älter als 200 Jahre: 1555 – 1567 war Wiesensteig für 12 Jahre evangelisch – auf Basis des Grundsatzes „cuius regio, eius religio“, der dem Augsburger Religionsfrieden entstammte. Graf Ulrich XVII von Helfenstein, (auch der Erbauer des Schlosses in Wiesensteig) und sein Bruder Sebastian führten 1555 die Reformation in ihrer Grafschaft ein. Die 12 folgenden Jahre waren geprägt von der Abneigung der Chorherren des Stifts und vor allem der Gemahlin Ulrich’s, Katharina von Montfort, die ihren Gatten wohl auch dazu brachte, im Jahr 1564 die Rückkehr zum katholischen Bekenntnis zu beschließen und 1567 zu vollziehen. Ein sehr bekannter Prediger in Wiesensteig war der damalige Dekan in Göppingen und spätere Universitätsdirektor in Tübingen, Jakob Andreä.


Ein Schnelldurchlauf bis ins Gemeindegründungsjahr 1808 zeigt in der Zeit der Gegenreformation ein sehr tolerantes Nebeneinander der Konfessionen, wobei die evangelischen Christen in einer Art Hauskreis zusammenkamen. Bilder aus dem 30 jährigen Krieg tauchen auf, als im letzten Kriegsjahr 1648 Wiesensteig bis auf sieben Häuser von den Schweden total niedergebrannt wurde – ausgelöst m.o.w. durch eine Lappalie. Das damals kur-bayrische Gebiet brachte Eberhardt Ludwig 1704 für 10 Jahre gewaltsam unter die Krone Württembergs – er sah dafür eine Gegenleistung für seine dem Kaiser geleisteten Dienste im spanischen Erbfolgekrieg. Nach einem weiteren knappen Jahrhundert kur-bayrischer Herrschaft verfügt die Rheinbundakte, dass Wiesensteig zu Württemberg kommt. Bis 1810 ist es Oberamtssitz – worin im Grunde die Basis für die Gründung der evangelischen Gemeinde liegt: Viele evangelische Beamte lebten zu dieser Zeit in Wiesensteig, die dann im Juni 1808 eine königliche Resolution  erwirkten – in enger Absprache mit dem Gruibinger Pfarrer Lederer.
Mit eigenen(finanziellen)  Mitteln wurde ein Raum hergerichtet, der sich im Erdgeschoss des Forsthofes, damals Revieramtsgebäude, befunden haben muss. „Einige Sitze, eine abgängige  in Westerheim gekaufte Kanzel und eine höchst dürftige, unmelodische Orgel, welche schon vorhanden war und offenbar aus dem Frauenkloster stammte“ bildeten nach R. Dipper’s Recherchen wohl die damalige Einrichtung. Organist und Abendmahlsgefäße kamen wohl jeweils aus Gruibingen herüber. Am 21. Juni 1808 fand denn die erste Wochenkinderlehre statt; am 26. Juni wurde die erste Predigt gehalten, und am 21. August das erste Abendmahl gefeiert.


Auf der Kippe stand die Gemeinde, als Wiesensteig 1810 den Oberamtssitz verlor und die Zahl der Evangelischen bis zum Jahr 1819 auf ganze 7 Leute zurück gegangen war. Bis 1852 steigt die Zahl aber wieder auf 147, Wiesensteig wird dann Pfarrverweserei. Wichtig ist noch das Jahr 1821, in dem die Gemeinde eine neue Kirche bekam: Die Kapelle des 1808 säkularisierten Franziskanerinnen-Klosters wurde ihr mit einigen Auflagen überlassen. Ein hölzernes Kruzifix wurde angeschafft, sowie der Altar für den evangelischen Gottesdienst hergerichtet. Der Raum blieb der Gemeinde erhalten, bis er Anfang der 70-er Jahre verkauft, und das jetzige Gemeindezentrum gebaut wurde.

 

Es gäbe natürlich noch unglaublich viel zu beschreiben. Z.B., dass mit der Gründung auch die gemeinsame Geschichte mit dem Gustav-Adolf- Werk in Wiesensteig begann. Diesem verdankt die Gemeinde viel, was spätere die Einrichtung des Gottesdienstraumes und andere Anschaffungen angeht. Diesem verdankt die Gemeinde aber vor allem in der Person von Pfarrer i.R. Reinhard Haug die Idee, das 200. Geburtsjahr zu feiern. Darum hielt er auch hier am 11. Mai den Gottesdienst – als Auftakt für ein intensives Zurückdenken in unsere Geschichte.

 

Im folgenden können sie eine Chronik unserer Geschichte ald pdf-Dokument herunterladen:

Stationen unserer Geschichte